Robert Neu
Reisejournalist
Vortragsreferent

Robert Neu

Chancen und Zukunft für die Ureinwohner Sibiriens

04. Jan 2013 Chancen und Zukunft für die Ureinwohner Sibiriens


Im hohen Norden Westsibiriens liegt das Autonome Gebiet der Chanten und Mansen. Die kleinen Völker des Nordens suchen sie Identität und Zukunft in einer sich immer schneller entwickelnden Region. Kann Ethnotourismus eine Chance sein? Robert Neu, Reisejournalist, Russland, Zentralasien, Seidenstrasse, Düsseldorf, Duesseldorf Sibirien Russland



Chancen und Zukunft für die Ureinwohner Sibiriens

Im hohen Norden Westsibiriens liegt das Autonome Gebiet der Chanten und Mansen. Die kleinen Völker des Nordens suchen sie Identität und Zukunft in einer sich immer schneller entwickelnden Region. Kann Ethnotourismus eine Chance sein?

Sibirien boomt. Es ist längst nicht mehr nur das rückständige, kalte Land der Verbannung, für das es oft gehalten wird. Seine Reichtümer stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit. Einst die Pelze, dann Mineralien und die fruchtbaren Böden des Südens, heutzutage Öl und Gas. Sibirien war nie ein leeres Land, im Gegenteil. Harsche Klimabedingungen ließen nur eine dünne Besiedlung zu, aber es gab und gibt eine Vielzahl eingeborener Nationen.

Die Chanten sind eine davon. Ihr traditionelles Siedlungsgebiet liegt im Norden des Flusses Ob. Achtundzwanzig Stunden Zugfahrt von Jekatarinburg aus nach Priobe gefolgt von etlichen Stunden mit dem Boot, die Anfahrt hierher ist beileibe nicht problemlos. Doch immer mehr Menschen ziehen in den Norden, die Chanten machen in ihrem Gebiet nur mehr knapp 2% der Gesamtbevölkerung aus. Zuzügler aus den russischen Regionen und dem Kaukasus sehen die enormen Chancen, die Öl und Gas gebracht haben. Vergleichsweise hohe Löhne und früherer Renteneintritt sind für viele Anreiz genug, sich den harten, langen Wintern und feuchten Sommern auszusetzen. Für die Eingeborenen selber bieten sich diese Möglichkeiten zu einem weit geringeren Maß.

Oleg ist achtzehn und stammt aus Kazym, einem Tausendseelendorf am gleichnamigen Fluss gelegen. Er studiert Ölförderungstechnologien in Belojarskij, und verneint heftig, als ich frage, ob das Leben der Vorfahren ein Modell für ihn sei. „Was soll ich denn im Wald wollen?“, fragt er. Seine Realitäten sind das Internet und obwohl seine Freunde im Dorf nah sind, ruft man auf dem Handy an, um sich zu verabreden. „Er verkriecht sich lieber vor dem PC“, klagt Herr Tartin, Olegs Vater. Für ihn war es im Wald leichter. „Dort hatten wir alles was wir benötigten, Fleisch von den Tieren, Beeren und Pilze im Überfluss, Fische, einfach alles. Kaufen brauchten wir nichts.“ Siebenzwanzig Jahre zog er als Rentierzüchter mit Familie und Brigade durch Taiga und Tundra. So wie es die Chanten schon immer gemacht hatten. Erst mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Heranwachsen der Söhne gingen sie ins Dorf. Aber auch heute noch sind sie dem Wald verbunden, der reich gedeckte Küchentisch biegt sich vor eingelegten Pilzen und frischen Beeren. „Kaufen können wir nur das Nötigste, Mehl, Nudeln, Zucker.“ Selbst wenn sie wollten, in den Wald zurück führen kaum Wege. Große Pipelines durchziehen das Land und bilden unüberwindliche Hindernisse für die Weidezüge der Rentiere. Zäune, Stacheldraht, Bohrtürme. Die Bodenverschmutzung durch Ölrückstände tut ihr übriges. Das traditionelle Leben der Chanten ist nicht nur in Gefahr, es ist im Aussterben. Immerhin kann sein Sohn als einer von wenigen eines Tages vom Reichtum des Öls profitieren.

Einen Ausweg aus dem Teufelskreis aus verlorener Identität, verlorener Sprache und Chancenlosigkeit sucht Olga Kravchenko. Sie will den Ethnotourismus etablieren und hat dazu eine Internetplattform mit verschiedenen Angeboten gegründet. In Kazym bietet das Freiluftmuseum Führungen an, mit dem Boot muss man über den Fluss gesetzt werden. Die Lebensbedingungen geprägt von Fluss und Wald werden schnell deutlich. Holzhäuser auf Stelen zum Aufbewahren der Lebensmitteln und Schutz vor Bären und der Tschum, das traditionelle Nomadenzelt werden gezeigt. Frauen in Trachten präsentieren verschiedene Kultgegenstände, kunstvoll verzierte Taschen, multifunktionale Jagdgürtel und bestickte Kleidungsstücke. Mit der heutigen Realität hat das nicht viel zu tun, aber dem Besucher bietet sich ein spannender Eindruck in die vergangene Lebenswelt im Norden. Besonderer Höhepunkt ist der Besuch eines Nomadenzeltdorfes im Wald. Ohne Wegverbindung reist man auf dem verzweigten Flusssystem an. Alles Notwendige nimmt man mit. Im Lager haben die Dorfbewohner für einen bewundernswerten Standard gesorgt. Weiche Rentierfälle als Decken und Matratzen, der Ofen in der Zeltmitte sorgt auch nachts für angenehme Temperaturen. Mehrere Wirtschaftsgebäude sind errichtet worden, darunter ein Speisesaal und eine Banja. Naturverbundenheit mit den notwendigen Annehmlichkeiten. Die Dorfbewohner aus Kazym finden hier für einige Wochen im Jahr eine bezahlte Anstellung als Holzfäller oder Köche, die Kinder können ihre eigenen Traditionen und Kultur im Lager kennenlernen und pflegen. Die Touristen sollen verschiedene Aktivitäten geboten werden. Die Natur Sibiriens steht im Mittelpunkt: Angeln, Pilze sammeln, Holzschnitzarbeiten. Chantische Kultur ist naturnah, dort sieht man die Chancen. Ob es ein tragbares Zukunftsmodell sein wird, muss sich zeigen. „Wir müssen etwas tun, um unsere Kinder nicht zu verlieren. Sie dürfen die chantische Kultur nicht gänzlich vergessen.“ So kann der Ethnotourismus für zweierlei sorgen: Interessiere Besucher können Sibiriens Magie abseits der Transsibstrecke erleben und gleichzeitig helfen, die Kultur der Chanten zu fördern und am Leben zu erhalten.

veröffentlicht auf: russland-heute.de













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