Robert Neu
Reisejournalist
Vortragsreferent

Robert Neu

Im Gefängnis

01. Jun 2003 Im Gefängnis


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Im Gefängnis

Zu Besuch in der lettischen Hafenstadt Liepaja.

Andris hat soeben seinen Freund erschossen. Es knallte einmal laut auf im dunklen Gang des ehemaligen Militärgefängnisses von Liepaja und Juris war auf der Fluch niedergestreckt. Und obwohl er sich dann unter eigener Mithilfe wieder aufrappelt und weggeschleppt wird, herrscht unter den Besuchern am heutigen Tage Schock.

Draußen brütet die Sonne hoch über der Stadt. In Kurland, direkt am Ostseeufer liegt Liepaja im baltischen Staat Lettland. Hierher reisen Touristen, um die melancholische Ruhe des lettischen Hinterlandes zu atmen, um ihre Seele in den endlosen Mischwäldern baumeln zu lassen. Gewalt und Erniedrigung sind auf niemands Plan. Das war zumindest früher so.

Seit eine Gruppe Studenten im Jahre 2002 das ehemalige Militärgefängnis für Theaterstücke nutzte, entwickelte sich hier eine ganz besondere Attraktion: Man will den Besuchern vorführen, welche Bedingungen hier herrschten. Lettland hat noch lange nicht abgeschlossen mit seiner Sowjetvergangenheit. Gegen die ehemaligen Machthaber, die Russen, stichelt man gerne. Nicht verwunderlich ist es deshalb, dass Juris seine Verwarnung auf Russisch bekam, kurz bevor er im Spiel in den Rücken geschossen wurde.

Auf dem großen Kasernenhof steht man stramm. Hände an die Hosennaht, Blick stur geradeaus, sonst kommt der junge ernste Mann in Uniform mit den eindringlichen kalten Augen sehr nah. Zu nah. Sein beißender Atem schauert, ohne ein Wort zu sagen weiß man , was verlangt wird. Gehorsam.

Freiwillig gehorchen wir und werden ins Innere eines halb verfallenen Betonbaus geführt. Nachdem Männer und Frauen in unterschiedliche Verließe gesperrt worden sind, beginnt die eigentliche Prozedur. Ein Militärgefängnis hat seine strikten, unveränderlichen Regeln. Wir werden einzeln abgeholt. Der Gefängnisfotograf hantiert geschickt an einer Kamera, die im Museum gut aufgehoben wäre, aber unser Gefangenenpass muss unser kriminelles Konterfei tragen. Alles läuft ruhig ab, die Schauspieler lassen sich nicht hinreißen zu einem Witz, einer freundlichen Geste oder einem Blick. Sie gehen auf in ihrer Rolle, fast wirkt es, als haben sie beim Überstreifen der Uniform auch den Gefängnischarakter übernommen.

Einzig der Doktor, der mich auf ansteckende Krankheiten und Epidemien untersuchen soll, kann leider keine Fremdsprache und so hat er denn nach etwas Zeit Mitleid mit mir und stellt mir meinen Gesundheitspass ohne weitere Fragen aus. Dafür bin ich ihm dankbar, denn dieser Pass erlaubt es mir, an der Gefangenenspeisung teilzunehmen. Mit Wartezeiten im Verließ dauert die Prozedur schon einige Stunden und mein Magen hat sich noch nicht auf Sowjetration umgestellt. Dann aber bekommen wir ein Stückchen Brot mit Fisch aus der Konserve.

Andris, der Wärter, hat uns alle im Gang antreten lassen, als sein Kumpel den Fluchtversuch unternimmt. Vorhin hatte er uns noch abgelichtet, nun hat er die Seiten gewechselt und trägt schwarz weiße Streifen, als ihn der Schuss trifft. Der Knall erfüllt den rußschwarzen Gang. Das Licht ist schummrig schwach und eine Neonleuchte flimmert bis sie endgültig ausgeht. War es so damals im Sowjetknast? Keine Ahnung, wir sind nur Touristen, die eine gut gemachte Vorstellung sehen. Doch die Wirkung lässt sich nicht leugnen: Die Schulkinder unter uns sind noch weitaus stärker beeindruckt und ich bezweifele, dass sie nach dieser Vorstellung einem Russen je über den Weg trauen werden.

Alle Sorgen lösen sich alsbald in einem kleinen eisgekühlten Glas Wodka auf. Der Gefängnisdirektor ist erstaunlich jung. Er hat seine imposante Mütze weit ins Gesicht gezogen und sagt: „Du weißt warum du hier bist.“ Sein auffordernder Blick formt ein Fragezeichen. Ich nicke. Das scheint im nicht zu gefallen, denn er schlägt mit der Faust auf den Tisch und bellt mich an. „Warum bist du hier?“ Ich sage kurz und knapp die Wahrheit, dass ich vom Touristenbüro hierher vermittelt worden sei, lebendige Geschichte, studentisches Theater, eine Reise in die Vergangenheit, so wurde mir gesagt. Er nickt, murmelt etwas in sich herein und stellt mir die Freilassungspapiere aus. Dann ein Schlückchen Wodka zum Abschied, ein Händedruck und Antreten zum Abmarsch!













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